Vor den Integrationsklassen mit ukrainischen Jugendlichen sprach am 02. Juni 2022 Dominic Wehner,  langjähriger ehemaliger Vorstandschef eines Pharmaunternehmens. Auf Ukrainisch kamen der Wirtschaftsexperte und die Jugendlichen schnell ins Gespräch über ihre Zukunftspläne und Optionen, die ihnen in Deutschland jetzt offen stehen. Klassenlehrer Heiko Rohde ermöglichte diese Begegnung. Lesen Sie seinen Bericht, in dem er auch die Entwicklung der letzten Wochen zusammen fasst.

„Rund 10.000 ukrainische Jugendliche wurden in den vergangenen Wochen an hessischen Schulen insbesondere in Sprachförderklassen aufgenommen. An der Feldbergschule werden rund 40 von ihnen in zwei Klassen unterrichtet. Das ukrainische Schuljahr endet zum 31. Mai und mündet in drei Monate währenden Sommerferien bis zum Schulbeginn am 1. September. Das hat Tradition!

Für viele Jugendliche gelten solche Traditionen in diesem Jahr leider nicht mehr: In der Klasse Intea-2 der Feldbergschule sind hauptsächlich Schüler*innen, die bereits im vergangenen Jahr oder mit Ablauf diesen Jahres den ukrainischen Schulabschluss nach der 11. Klasse erworben haben. Gäbe es keinen Krieg und keine Vertreibung würden die meisten von ihnen nun in ukrainische Hochschulen streben, um dort ein Studium aufzunehmen.

Dimitrii (17) beispielsweise hat bereits ein Jahr „Banking & Finance“ an einem ukrainischen College studiert. Nun geht es für ihn und seine Klasse vorrangig darum die deutschen Sprache zu erlernen und gleichzeitig sein weiteres Leben zu planen: Ob in Deutschland oder in der Ukraine? Er weiß es auch noch nicht. Wichtig ist es ihm und allen anderen in die Klasse, dass sie Fortschritte machen und keine Zeit verlieren.

Viele ihrer traditionellen Vorstellungen müssen sie dabei überdenken: „Ohne Universität gibt es kein gutes Leben“, sagen fast alle ukrainischen Jugendlichen in der Intea-2. Von den Möglichkeiten einer dualen Ausbildung nach deutschem Vorbild haben sie noch nie gehört. Es fällt ihnen schwer sich so etwas „anderes“ vorzustellen. Rund zwei Drittel von ihnen hoffen bald wieder in ihre ukrainische Heimat zurückkehren zu können, um dort den Lebensweg fortzusetzen, den sie sich bisher vorgestellt haben. Ihren Aufenthalt in Oberursel und an der Feldbergschule, die hier bisher erworbenen Deutschkenntnisse und Erfahrungen in Deutschland wollen sie dann als bereichernde Erfahrung mitnehmen. Andere sind sich schon jetzt sicher, ihre berufliche Weiterentwicklung möglichst in Deutschland fortzusetzen.

Ganz unabhängig davon, ob sie kurz-, mittel- oder langfristig in Deutschland bleiben, ist es das Anliegen der sieben Lehrkräfte der Klasse, die gut zwanzig Stunden in der Klasse unterrichten, den Jugendlichen möglichst viel der Sprache, Kultur und beruflichen Möglichkeiten der neuen Umgebung zu vermitteln. Die Klassenlehrerin Angela Höll der Intea-1, die bereits „Intea-Erfahrung“ hat und Kaufleute für Büromanagement unterrichtet, sowie der Klassenlehrer der Intea-2 Heiko Rohde, der sonst Wirtschaftslehre in der Berufsschule und am beruflichen Gymnasium der Feldbergschule unterrichtet, sehen hierfür neben dem Sprachunterricht auch die schulische Auseinandersetzung mit dem Wirtschaftsleben in Deutschland sowie dem Lebensalltag als besonders wichtig an.

Um dies zu erreichen plant das Lehrkräfteteam die SchülerInnen der Intea-2 jeden Montag in unterschiedlichen Lerngruppen des Beruflichen Gymnasiums und der Berufsschule ein: Trotz hoher Sprachbarrieren haben sich dabei auch schon vereinzelt deutsche und ukrainische Jugendliche kennen gelernt – erste Freundschaften sind entstanden. Daneben sind Begegnungen mit VertreterInnen aus Unternehmen, Betriebsbesichtigungen und Hochschulen der Region geplant.

So besuchte am 02. Juni 2022 Dominic Wehner die Klasse. Der ehemalige Vorstandschef eines Pharmaunternehmens hat mehr als zwanzig Jahre in und mit der Region Mittel- und Osteuropa gearbeitet, spricht fließend Russisch und ist bereits seit längerem auch in der Unterstützung und Betreuung von Ukrainern aktiv. Schnell sind die Schüler*innen mit ihm im Gespräch, erzählen ihm von ihren Berufswünschen und hören sich seine Meinung zu ihren Möglichkeiten dazu an. „Ich spreche bereits Russisch, Ukranisch, Englisch, Hebräisch und Armenisch“, berichtet ihm Anna, „mit Deutsch entsteht in meinem Kopf ein Gewirr an Sprachen, das ich erst einmal sortieren muss.“ Was sie mit ihrem frisch erworbenen Schulabschluss zum Ende dieses Schuljahres genau anfangen soll, weiß sie auch noch nicht genau: „Marketing oder Sprachen studieren“, gibt sie an. Andere in der Klasse wissen schon sehr genau, dass sie beispielsweise Jura oder Informatik studieren wollen. „Ich habe mich bereits in der Schule mit Computersprachen beschäftigt. Gut finde ich, dass dabei vieles auf Englisch geregelt wird – ganz unabhängig vom Land“, findet Valerij. Die Bedeutung der Erlernens der deutschen Sprache ist aber so oder so extrem wichtig, weist Dominic Wehner sie Schüler*innen auf Russisch hin. Er berichtet, wie auch er die Erfahrung gesammelt hat, wie schwer, aber wichtig das Erlernen der Sprache und Gepflogenheiten eines Gastlandes sein kann und ermutigt sie: „Diese Erfahrungen sind immer eine persönliche Bereicherung und berufliche Qualifikation. Bleiben Sie stets Sie selbst, aber nutzen Sie jede Chance zum Sammeln solcher Erfahrungen – sei es durch ein Praktikum oder auch durch die Begegnung mit Einheimischen!“

Die Stunde mit Dominic Wehner endet nachdenklich. Viele der Anwesenden denken über das Gehörte und Besprochene nach und sind optimistisch und dankbar für den Austausch. Das Team der Intea-Klassen an der Feldbergschule will den Austausch fortsetzen. Was den Unterricht betrifft, so haben die Begegnungen zwischen Unterrichtsinhalten und Praxiserfahrungen ja schon so etwas wie … Tradition. „

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